Angaben zu den pädagogischen Grundannahmen und zu den theoretisch/methodischen Arbeitsansätzen

Die Pädagogischen Grundannahmen in der Evangelischen Stiftung Loher Nocken

Die Pädagogik in der Evangelischen Stiftung Loher Nocken orientiert sich an einer ganzheitlichen Sicht des Menschen und seinem körperlichen, geistigen, seelischen und sozialen Wohlbefinden. Die Erziehung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit, die ihre Potentiale in unsere Gesellschaft einbringen und verwirklichen kann, ist unser Leitziel. Dieses Ziel wird erreicht über ein pädagogisches Programm, dass über je vier Strukturelemente und vier Entfaltungsbereiche die Förderung von Potentialen und Ressourcen fokussiert. 

2019Grundnormenkorrigiert

 

1. Strukturelemente der Pädagogik in der Evangelischen Stiftung Loher Nocken

GrundannahmenDie vier Strukturelemente bilden den pädagogischen Rahmen, der gezielte Förderung und Erziehung gewährleistet. Jedes dieser Elemente ist unverzichtbar, da viele junge Menschen bereits in diesen elementaren Grundbedingungen des gelingenden Aufwachsens und Hineinwachsens in unsere Gesellschaft bittere Defiziterfahrungen sammeln mussten und nicht selten dadurch ihre Zuversicht auf eine erfolgreiche Zukunft getrübt wurde. Die bewusste Reflexion der folgenden vier Strukturelemente hat eine ermutigende Wirkung und kann dazu beitragen, die „Freude auf den kommenden Tag" zu wecken. Zuversicht, Freude und Vertrauen in die eigenen Stärken, sind die Voraussetzungen für eine gute Persönlichkeitsentwicklung.

1.1 Versorgung

Die Versorgung wird so gestaltet, dass die jungen Menschen keinen Mangelerfahrungen ausgesetzt sind und zugleich den verantwortlichen Umgang mit Ressourcen erleben. In der Evangelischen Stiftung Loher Nocken wird die Unterbringung, die Essensversorgung, die Gestaltung der Räumlichkeiten, die Ausstattung mit Kleidung und Materialien stets ansprechend gestaltet, zweckmäßig den Erfordernissen angepasst und die jungen Menschen in alle Belange partizipativ einbezogen.

1.2 Sicherheit

Die Sicherheit vor körperlichen Übergriffen, vor Akten der seelischen Verletzung und Erniedrigung und vor Formen einer ungewissen Grundversorgung ist ein zentrales Anliegen in der Evangelischen Stiftung Loher Nocken. Die Motivation für persönliches Wachstum und die Bereitschaft zu einer konstruktiven Mitarbeit im pädagogischen Programm können nur dann erwartet werden, wenn die Grundbedürfnisse der Versorgung und Sicherheit in ausreichendem Maße berücksichtigt wurden (vgl. Maslow). Die Aspekte der Sicherheit beziehen sich insbesondere auch auf den Umgang der jungen Menschen untereinander und die Kultur der Begegnung in der Einrichtung. Angestrebt wird eine Kultur der Achtung und ein respektvoller Umgangston in der Einrichtung. Die Aspekte Versorgung und Sicherheit sollen allen Menschen in der Evangelischen Stiftung Loher Nocken Achtsamkeit und Wertschätzung verdeutlichen und einladend für eine Kultur des Miteinander und des gegenseitigen Respekts wirken.

1.3 Spiel, Sport, Erlebnis

Spiel, Sport und herausfordernde Erlebnisse sind motivationale Elemente im kindlichen Alltag. Fritz Pawelzik zählt das Spiel zu einem menschlichen Grundbedürfnis. Bei Spiel, Sport, Erlebnis setzen wir auf die Gemeinschaftserfahrung in der Gruppe, die Chancen des sozialen Lernens, die positiven Körpererfahrungen, die Stärkung des Selbstwertgefühls, die methodisch angeleitete Erfahrung der konstruktiven Grenzüberschreitung, so wie die Erfahrung von Erfolg und Bestätigung der Selbstwirksamkeit. Die Evangelische Stiftung Loher Nocken setzt seit langen Jahren auf eine vielfältige Förderung von Bewegung und Sport (bewegte Schule, Jonglagegruppe, Sportgruppen, Turniere, usw.).

1.4 Orientierung

Die Werte, Normen und Regelungen des Alltags in der Evangelischen Stiftung Loher Nocken sollen Orientierung und Sicherheit in den gemeinsamen Alltagsvollzügen vermittelt. Dazu dient ein überschaubarer Satz von Grundnormen als Rahmenorientierung, der im Dialog mit den jungen Menschen inhaltlich ausgestaltet wird. Die konkreten Regelungen des Alltags werden nach den Methoden der „Gerechten Gemeinschaft" (vgl. L. Kohlberg) mit den jungen Menschen entwickelt, kontinuierlich auf ihre Stimmigkeit reflektiert und fortgeschrieben, Von den jungen Menschen wird erwartet, dass sie die gemeinsam entwickelten Regeln selbst vertreten und auch gegenseitig deren Akzeptanz einfordern. Die pädagogische Arbeit in der Evangelischen Stiftung Loher Nocken basiert auf einem christlichen Werthintergrund, der aber offen ist für junge Menschen aller Religionen.

2. Entfaltungsbereiche

Die Strukturelemente der Pädagogik in der Evangelischen Stiftung Loher Nocken bereiten den Rahmen für eine effektive Bildungsarbeit vor und stellen die Befriedigung zentraler kindlicher Grundbedürfnisse sicher. Die Entfaltungsbereiche öffnen Räume für die Entwicklung junger Menschen, die für eine erfolgreiche Integration in unsere Gesellschaft unabdingbar notwendig sind.

2.1 Zugehörigkeit

Der junge Mensch steht vor der Herausforderung seine Persönlichkeit zu entwickeln. Neben der individuellen Persönlichkeit (mit ihren speziellen Stärken und Schwächen, Vorlieben und Abneigun-gen, Interessen und Ängsten, usw.) gilt es auch eine soziale Persönlichkeit zu entwickeln, die insbesondere geprägt ist durch die Zugehörigkeit zu Gruppen (Familie, Freunde, Peers, Interessengruppen, soziokulturelle Milieus). Über die Zugehörigkeit und Identifikation mit Gruppen entwickeln sich die zentralen Elemente der moralischen und normativen Ausrichtung des Menschen. Daneben besteht das Bedürfnis des Menschen nach Zugehörigkeit, das eine zentrale Quelle der Selbstbestätigung darstellt. Gerade in der Erziehungshilfe hat die stigmatisierende Zugehörigkeit „Heimkind" deutliche Probleme dadurch verursacht, dass sie wenig einladend zur Identifikation mit dem Lebensfeld (und damit mit den dort gelebten Normen und Werten) wirkte. Die Evangelische Stiftung Loher Nocken arbeitet an entstigmatisierenden Begriffen und Symbolen, die es jungen Menschen ermöglichen sich damit zu identifizieren. Das Erleben des Alltags in der Evangelischen Stiftung Loher Nocken, die Kultur der gegenseitigen Achtung und des Respekts, die gemeinsam gestalteten Abläufe und Regelungen, die herausfordernde Programmgestaltung laden dazu ein, sich als Teil der Gemeinschaft zu empfinden und mit der Einrichtung zu identifizieren. Die Erfahrung der jungen Menschen, in einer ansprechenden Umgebung, die eine gute Versorgung und verlässliche Sicherheit bietet, dabei ein Gefühl des angenommen seins und des ernstgenommen werdens vermittelt, wirkt hoch attraktiv für Identifikationsprozesse. Ein junger Mensch, der sich mit der Erziehungshilfeeinrichtung, in er vorübergehend lebt, identifizieren kann, ist auch bereit, sich dort auf neue Erfahrungen und Verhaltensweisen einzulassen.

2.2 Bildung

Bildung und Erziehung sind zwei Seiten einer Medaille. Während in der Erziehung vom Erwachse-nen her die Entwicklung der jungen Menschen bedacht und geplant wird (z.B. Erziehungsplanung, Hilfeplanung) sieht die Bildung den jungen Menschen im Mittelpunkt, der weitgehend frei darüber entscheidet, welchen Bildungsinhalten er sich zuwendet. Vielfältige Bildungsangebote (schulisch, moralisch, sozial, sportlich, intellektuell, ...) werden in der Evangelischen Stiftung Loher Nocken den jungen Menschen angeboten, doch über ihre effektive Nutzung zur persönlichen Entwicklung entscheidet der junge Mensch selbständig. Seine Entscheidung wird dabei maßgeblich durch die Gruppe der Gleichaltrigen beeinflusst. Daher ist eine auf positive Entwicklung ausgerichtete Gruppe von Peers der entscheidende Einflussfaktor, den wir in den Gruppenangeboten der Evangelischen Stiftung Loher Nocken erreichen wollen. Wir tragen damit der Erkenntnis Rechnung, dass die Gruppe der Gleichaltrigen der bedeutsamste Sozialisationsfaktor im Jugendalter ist (vgl. Krappmann).

2.3 Verantwortung

Die Erziehung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit (vgl. § 1 SGB VIII) fokussiert eine Förderung der Verantwortung für die eigene Person, das eigene Handeln und die Gestaltung der Bezüge zur Gemeinschaft. Verantwortung kann nur erlernt werden, wenn junge Menschen selbst Freiräume für Verantwortung haben und ihnen Verantwortung auch übertragen und „zugemutet" wird. Starke individuelle Rechte und ein hohes Maß an Verantwortung gehören zusammen (vgl. Etzioni). Konkretisiert wird dieser Anspruch durch die gruppen-pädagogische Ausrichtung in den Wohngruppen der Evangelischen Stiftung Loher Nocken. Es ist uns ein Anliegen, dass es zu einer bedeutsamen Ausprägung eines Wir-Gefühls in den Gruppen kommt, da damit auch ein normatives Gefüge in den Gruppen entsteht, das die freiwillige Übernahme von Verantwortung erstrebenswert macht. Die Gruppe wirkt dann als heraus-forderndes, beratendes und unterstützendes Korrektiv – insbesondere in den Gruppengesprächen (Peer-Counseling). Das Hineinwachsen in Verantwortung wird methodisch angeleitet und gefördert. Die partizipative Gestaltung der Regelungen des Alltags (vgl. „Gerechte Gemeinschaft") und die kontinuierliche Reflexion des Alltags in den Peer-Counselings, fördern sehr stark die Fähigkeit zur Aushandlung der eigenen Interessen in der Gruppe und stärken die individuelle Verantwortung.

2.4 Gemeinschaft

Menschliches Leben vollzieht sich in Gemeinschaften (Familie, Freundeskreise, Interessen-gruppen, etc.). Die Gemeinschaftsfähigkeit des jungen Menschen ist eine zentrale Voraussetzung für eine gelingende Integration in die Gesellschaft. Dafür benötigen junge Menschen die elementaren Erfahrungen einer attraktiven und akzeptierenden Gruppe. Ein weiterer Schritt ist das Erleben von Selbstwirksamkeit und die Anerkennung von Leistung in Gruppen. Dabei spielt das Bedürfnis nach Wertschätzung (der Person und ihrer Leistungen) durch die Bezugsgruppe eine bedeutsame Rolle. Der junge Mensch will nicht nur zur Gruppe dazugehören, sondern auch eine wichtige Funktion in der Gruppe erfüllen, für die er Beachtung und Anerkennung erhält. Zudem sollen die jungen Menschen auch damit Erfahrungen machen, dass sie andere Gruppenmitglieder unterstützen und ihnen helfen. Junge Menschen können sich Beispielsweise in den Funktionen als Tutor, Streitschlichter, Peer-Berater usw. als hilfreich für andere erleben. Die Stärkung des Selbstwertgefühls, die von derartigen Hilfeleistungen ausgeht, ist für die jungen Menschen enorm. Die jungen Menschen sollen sich nicht als die bedürftigen „Hilfeempfänger" in der Evangelischen Stiftung Loher Nocken erfahren, sondern als verantwortliche und kompetente Mitglieder einer erfolgreichen Gemeinschaft, deren Engagement den gelingenden Alltag und die persönliche Entwicklung maßgeblich bestimmen.

04.11.2012